Positionspapier zur Garnisonkirche

Bündnis

 

 

 

 

für Mitbestimmung
in der Potsdamer Mitte

Der Schaden, der die Herde trifft, ist eine Schande für den Hirten.Hieronymus

 

Stadtmitte für Alle – Positionspapier zur Garnisonkirche

 

Die Bundestagswahl vom September 2017 hat neue gesellschaftspolitische Tatsachen in Deutschland geschaffen. Bezüglich des geplanten Wiederaufbaus der Garnisonkirche zeigt dieses Wahlergebnis ganz klar: Die Geschichte hat uns eingeholt! Der Beginn des Wiederaufbaus der Garnisonkirche – eines Symbols des preußischen Militarismus – in direkter zeitlicher Parallele zum erstmaligen Einzug der AFD in den Bundestag wirkt wie ein symbolisches Geschenk an die alten und konservativen Eliten und bietet sich den neuen Rechten als Aufmarsch- und Projektionsfläche, als Pilger- und Symbolort an.

 

Wir fordern deshalb einen sofortigen Baustopp!

Um als Stadtgesellschaft souverän und adäquat auf die neuen Gegebenheiten zu reagieren, müssen wir gemeinschaftlich noch einmal neu nachdenken: Wer entscheidet in dieser Stadt? Wie zukunftsfähig ist eine Stadt, die sich städteplanerisch in die Vergangenheit orientiert? Welche Gäste soll diese Stadt in Zukunft anziehen? Welche öffentliche Substanz soll den nächsten Generationen hinterlassen werden?

 

Kein Wiederaufbau der Garnisonkirche in historischer Gestalt

Unter dem Deckmantel der Schaffung eines Postkartenmotivs der “guten alten Zeit” wird mit dem Wiederaufbau der Garnisonkirche ein neues nationalistisches Denkmal geschaffen. Für diesen als  Versöhnungsort etikettierten Bau soll mit dem Rechenzentrum ein weiterer Gemeinwohlkomplex zerstört, die dort arbeitenden Potsdamer*innen aus ihrer Innenstadt verdrängt und ein weiterer Teil der jüngeren Baugeschichte der Stadt eliminiert werden. Damit wird die jüngste Geschichte auf unsägliche Weise wiederholt.

 

Keine Privatisierung von Gedenken

Bis heute gibt es keine angemessene kritische Aufarbeitung der Geschichte des Ortes in den Publikationen der Stiftung. Der Online-Wissensspeicher der Stiftung Garnisonkirche klammert die Geschichte der Kirche vor dem Ende des 2. Weltkrieges weitestgehend aus. Stattdessen generiert man sich als Opfer des SED-Unrechts und leitet daraus die Legitimation für den Wiederaufbau ab. Diese Leugnung der historischen Tatsachen kommt einer Geschichtsfälschung gleich und verhöhnt den viel beschworenen Versöhnungsgedanken.

  

Welche Rolle spielt die evangelische Kirche?

Versöhnung gelingt nur durch Aussöhnung mit der Geschichte. Dazu muss diese aber erst einmal konfrontiert werden. Seit ihrer Errichtung war die Garnisonkirche eine Militärkirche. Hier wurden Kriegshelden gefeiert, Heere geweiht, Kampfbeute präsentiert, für Siege gebetet, und sogar kurz vor Kriegsende noch die letzten Kindersoldaten Hitlers gesegnet – der Tag von Potsdam ist bei weitem kein singuläres Ereignis! Die evangelische Kirche schweigt bis heute zu ihrer Mitverantwortung. Geleugnetes Versagen als Teil der Versöhnungsgeschichte des Evangeliums? Kirchliches Geld gehört nicht in die Wiedererrichtung von „Täterarchitektur“!

 

Welche Rolle spielen die staatlichen Organe?

Die unsägliche Rolle der Stadt Potsdam bei der Stadtentwicklung ist hier exemplarisch. Mit der Schenkung des Grundstückes an die Kirche und mit ihrem Sitz im Kuratorium verletzt die Stadt Potsdam die in Deutschland geltende Trennung von Kirche und Staat. Die undemokratische Unterstützung der Stiftung wird auch bei dem intransparenten Umgang mit den über 14.000 Stimmen des Bürgerbegehrens gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche deutlich. Der mit der damaligen Annahme des Bürgerbegehrens verbundenen Verpflichtung, alle rechtlich zulässigen Möglichkeiten auszuschöpfen und auf die Auflösung der Stiftung hinzuarbeiten, ist Potsdams Oberbürgermeister Jakobs bis heute nicht nachgekommen.

 

Symbol und Wirkung

Mit dem weitgehend unreflektierten Wiederaufbau dieser ehemaligen Militärkirche wird ein Symbol in der Potsdamer Mitte verankert, dessen zukünftige Ausstrahlung unvorhersehbar ist. Der geplante 88 Meter hohe, alles überragende Kirchturm setzt alle Proportionen des momentanen Stadtgefüges außer Kraft und wird die Spaltung der Stadt zu diesem Thema zukünftig in das Stadtbild einschreiben. „Symbole haben die innere Eigenschaft sich zu verselbstständigen.“ Diese Warnung der Pastorin Hildegard Rugenstein sollte sehr ernst genommen werden, denn unter den Befürwortern des Wiederaufbaus befindet sich auch die AfD Fraktion. Jede*r Befürworter- und Unterstützer*in des Wiederaufbaus der Garnisonkirche muss sich der eigenen Mitverantwortung bewusst sein: Das Symbol-Projekt bietet sich einer Bemächtigung durch die neuen Rechten als nationalistischer Aufmarschort geradezu an.

 

Unsere Forderungen

  • Als Bürger*innen der Stadt Potsdam fordern wir die umgehende Beendigung dieser Demokratieposse und einen sofortigen Baustopp.
  • Wir fordern einen Bürgerentscheid zur Nutzung dieses historischen Platzes, denn eine Versöhnung ohne die Mehrheit der Bevölkerung kann nie gelingen.
  • Wir verlangen die lückenlose öffentliche Aufklärung der rechtlichen Hintergründe zur Rolle der Stadt Potsdam. Dazu gehören die Veröffentlichung aller Fakten zur Schenkung des Grundstückes, zur bisher intransparenten Finanzierung (inklusive der jetzt angewiesenen zusätzlichen 375.000 Euro aus der Kasse für Schulen), zum aktuellen Stand der Baugenehmigung, sowie zum Umgang mit dem Bürgerbegehren gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche.
  • Wir bestehen auf der vollständigen Darstellung der genauen Abläufe im Vorfeld der Sprengung 1968 inklusive eventuell akzeptierten Entschädigungszahlungen nach zustimmenden Gesprächen zwischen Kirche und SED.
  • Wir fordern eine fundierte, angemessene und wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte dieses Ortes, die auch Dokumentationen zum Preußischen Militarismus, zur Verbindung von Kirche, Staat und Militär und zur Rolle Potsdams in der NS-Zeit enthalten muss.
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