Pressemitteilung zum Szenarienworkshop

Pressemitteilung zum geplanten „Szenarienworkshop“ KUNST- UND KREATIVWIRTSCHAFT IN DER POTSDAMER MITTE

Die Landeshauptstadt Potsdam möchte in einem Szenarienworkshop untersuchen, wie eine dauerhafte Verortung von kulturellen und kreativwirtschaftlichen Nutzungen in der Potsdamer Innenstadt erreicht werden kann. Der Workshop soll von der Consultingfirma „Unity“ moderiert werden.

Zu diesem Planungsstand möchten wir als Bündnis Stadtmitte für Alle wie folgt Stellung nehmen:

Grundsätzlich sind wir sehr erfreut, dass das Thema Kunst- und Kreativwirtschaft ernst genommen wird und nach dauerhaften Lösungen gesucht wird. Wir sehen dies als Bestätigung für das langjährige Engagement der Initativen Kulturlobby Potsdam, Potsdamer Mitte neu denken und des Bündnisses Stadtmitte für Alle, aber auch der engagierten Nutzer- und Unterstützer*innen des Kunst- und Kreativhauses Rechenzentrum Potsdam.

Zugleich haben wir erhebliche BEDENKEN am vorgestellten PROZESSDESIGN:

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‚Mehrere Geschichten haben dürfen‘

„Der preußische, der nationalsozialistische und der Umgang der DDR mit der Garnisonkirche haben etwas gemeinsam. Der Philosoph Odo Marquard würde jeweils von einem „Mono-Mythos“ sprechen – „nur eine Geschichte haben dürfen“. Die Gewaltenteilung in der Bundesrepublik beruht laut Marquard jedoch darauf, dass mehrere gesellschaftliche Mythen koexistieren. „Mehrere Geschichten haben dürfen“ ist für ihn ein konstituierender Aspekt demokratischer Freiheit.“

 

Zu den gesellschaftlichen Fragen im Konfliktfeld ‚Rechenzentrum – Bau der Garnisonkirche‘  empfehlen wir diesen Artikel von Dina Dorothea Falbe auf moderne-regional.de

(c) Bild oben: Screenshot von http://www.moderne-regional.de/potsdam-gott-schuetze-dieses-haus/

Der Elefant im Raum

Am 13.09.2017 entschied die Potsdamer Stadtverordnetenversammlung über einen Antrag der LINKEN, eine Bürgerbefragung zum FH-Gebäude durchzuführen. Jeannette Jacob, unter anderem im Bündnis Stadtmitte für Alle aktiv, nutzte die Gelegenheit um bildlich und persönlich für ein Umdenken zu werben:

„Sehr geehrte Damen und Herren Stadtverordnete, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

mein Name ist Jeannette Jacob, ich bin Grafikdesignerin, Absolventin der FHP. Wenn mir jemand vor einem Jahr erzählt hätte, dass ich hier vor Ihnen stehen werde, ich hätte ihm nicht geglaubt. Wenn mir jemand vor einem Jahr erzählt hätte, dass ich mich in den Vorstand eines Vereins im Rechenzentrum und eines Vereins auf dem Brauhausberg wählen lassen werde, ich hätte ihn belächelt.

Aber ich stehe heute nicht als Vereinsmitglied sondern als Bürgerin dieser Stadt vor Ihnen: Die Art wie Sie mit den Bedürfnissen und den Ängsten der Potsdamerinnen umgehen, hat mich aus meiner Komfortzone gelockt und lässt mich heute hier ins Licht der Öffentlichkeit tre­ten. Interessanterweise bin ich Ihnen dafür sogar dankbar.

Vielen Dank also. Ihre Stadtpolitik hat mich aufwachen lassen. Und um mich herum sehe ich Menschen, die ebenfalls zu sich kommen, die merken, dass die Vertreter, denen sie einst ihre Stimme gaben, nicht in ihrem Sinne handeln, dass sie sich scheinbar NICHT für das Gemein­wohl dieser Stadt einsetzen. Sie merken, dass sie selbst kompetent sind und selbst am besten wissen, in welcher Stadt sie leben möchten, wo und mit wem sie zusammenarbeiten und wie sie ihr Wohnumfeld gestalten möchten.

Ich bin eine von ca. 15.000 Stimmen, die in dieser Stadt nicht gehört werden. Ich bin eine von ca. 15.000 Unterschriften, die in dieser Stadt nicht gesehen werden. Im englischsprachigen Raum gibt es den Begriff „The elefant in the room“. Eine Methapher für ein offensichtliches Problem, dass alle kennen, aber keiner ansprechen will.

Hier steht ein gigantischer Elefant im Raum. Einige sehen ihn ganz deutlich, andere sehen konsequent an ihm vorbei. Manche behaupten so­gar sie wüßten nicht, wovon hier überhaupt die Rede ist. Dabei ist er so groß, dass sogar die Menschen auf der Straße ihn sehen können. Etwa 15.000 Bürgerinnen haben mit ihrer Unterschrift bezeugt, dass er da ist. Tausende andere sehen ihn auch, doch wundern sich schweigend. Nur eine kleine Anzahl PotsdamerInnen guckt angestrengt zur Seite.

Sie haben dem Elefanten noch vor der Jagdsaison einen Streifschuss verpasst. Haben ihm das Elfenbein abgenommen und an die Trophäen­sammler verteilt. Doch der Elefant lebt und er wird größer Tag für Tag. 15.000 Menschen stehen um ihn herum und auch ihre Zahl wächst Tag für Tag. Menschen, die wie ich endlich aufgewacht sind und ganz klar sehen, dass dieser Elefant – dieses Fachhochschulgebäude, um es mal beim Namen zu nennen – die Antwort auf so viele Probleme in dieser Stadt ist. Die Lösung für die Raumprobleme so vieler Einrichtungen, z.B. EINE mögliche Lösung für die Standortsuche für die Kunst­ und Kreativwirtschaft, für die Potsdamer Musikszene, eine Lösung für eine sich neu gründende Schule, für Kindertagesstätten, für Galerien, für Räume für Sportvereine und Tanz­ und Bewegungsgruppen, für eine Kletter-­ und Boulderhalle, für die Arbeiterwohlfahrt, für die MedienWerkstatt Potsdam, für ein Mitmachmuseum, für Kongress­- und Tagungssäle, für die Potsdamer Wissenschaftslandschaft, für Kinder­- und Jugendbildungseinrichtungen, für Büros und Werkstätten u.s.w. und JA, auch für soziales Wohnen und niedrigpreisige Gastronomie – für einen Ort für Alle, für die Vielfalt in der Stadtmitte.

Andere Städte wie Berlin oder Wien machen es uns längst vor. Wieso glaubt die Stadt Potsdam sich an dieser Stelle einen großen blinden Fleck – oder besser – barocken Fleck leisten zu können? Anstatt das Vorhandene zu bewahren, suchen Sie die Lösung in Gebäuden, die Ihnen noch nicht einmal gehören, überlegen Sie ernsthaft den Ankauf von teuren Immobilien oder den zeit­- und kostenintensiven Neubau von Ge­bäuden, die nur unzureichend den wirklichen Bedarf decken werden.

Die Menschen fragen sich auch, was passiert, wenn Sie die „Big five“ erlegt haben werden? Wenn nach dem Elefant auch das Nashorn, die Giraffe, der Löwe und der Leopard geopfert wurden, wenn also die Fachhochschule, das Rechenzentrum, das Mercure, die Schwimmhalle und das Minsk dem Erdboden gleich gemacht sein werden, werden Sie dann aufhören? Ist dann ihr Jagdeifer gestillt?

BITTE öffnen Sie Ihre Augen JETZT! – noch besser: öffnen Sie Ihre Herzen! Ändern Sie für einen Moment Ihre Perspektive und sehen Sie genau hin! Dann sehen Sie die Gemeinschaft, die Vielfalt, die Kreativität und das Engagement der Menschen in dieser Stadt.

Gehen Sie auf sie zu! Sie werden Ihnen dafür dankbar sein. Sie werden Sie mit offenen Armen empfangen, sie warten geradezu darauf. BITTE geben Sie uns allen noch die Zeit zum Durchatmen, zum Zusammenkommen, zum GEMEINSAMEN Gestalten dieser Stadt. Fragen Sie die Bürgerinnen nach Ihrer Meinung! Haben Sie den MUT zu einer echten, einer wahren Bürgerbeteiligung!

Demokratie ist ein dynamischer Prozess. Die Umkehrbarkeit politischer Entscheidungen ist ein Zeichen einer sich weiter entwickelnden Poli­tik und Stadtgesellschaft. Gegenseitiger Respekt und Anerkennung ein Zeichen wahrer Autorität.

Albert Einstein sagte einst: „Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom.“ Das mag sein. Aber durch ihn wissen wir auch, dass Zeit relativ ist. ES IST ALSO NIE ZU SPÄT.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.“

 

Leider fand der Antrag der Linken keine Mehrheit – die Verantwortlichen fahren weiter „Augen zu und durch“. Zur vor der Sitzung stattfindenden Kundgebung vor dem Rathaus berichtet Potsdam TV